Das Magazin der vivida bkk

Das Bild zeigt Emma Aust, eine Mitarbeiterin der vivida bkk, mit einem Körpermodell. Im Text geht es um das Schulfach Gesundheit.© Eva Häberle

Mathe, Deutsch, Gesundheit: Schulfach Gesundheit

Laut Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg für das Fach Chemie sollten Schülerinnen und Schüler der Oberstufe pH-Werte von Lösungen einprotoniger starker Säuren, starker Basen und von Hydroxidlösungen rechnerisch ermitteln können. Nicht im Bildungsplan vorgesehen ist, den jungen Menschen beizubringen, wie sie sich in akuten Stresssituationen beruhigen können – zum Beispiel vor der nächsten Chemieklausur.

Kaum Gesundheitsunterricht in der Schule

Na gut, dieser Einstieg ist vielleicht ein wenig ketzerisch. Es spricht vieles dafür, den jungen Menschen Grundlagen der Chemie beizubringen. Immer mehr Experten sagen allerdings: Es spricht auch vieles dafür, jungen Menschen die Grundlagen eines gesunden Lebens beizubringen: körperlich, mental und sozial. In den Lehr- und Bildungsplänen hierzulande kommt das Thema Gesundheit allerdings kaum vor. „Wie gesundes Leben aussehen sollte, lernen junge Menschen heute vor allem in der Familie und dem näheren Umfeld“, erklärt Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler Professor Klaus Hurrelmann. „Dort gibt es allerdings mehrere Herausforderungen.

Das Bild zeigt Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Professor an der Hertie School Berlin

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health and Education an der Hertie School in Berlin

Viele Erwachsene beispielsweise leben ihren Kindern selbst nicht das vor, was sie predigen. Wer zweimal die Woche Tiefkühlpizza isst, dem nimmt man einen Satz wie ‚Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist wichtig für deine Gesundheit!‘ nur schwer ab.“ Junge Menschen ahmen das Vorgelebte nach – und weniger das Vorgesagte. Hinzu kommt, dass das Gesundheitswissen und -verhalten hierzulande sehr stark von der Lebenssituation im Elternhaus abhängt.  Vereinfacht gesprochen: Je höher der Bildungsgrad und die soziale Schicht sind, desto gesünder leben die jungen Menschen.

Wir sehen heute schon viele gute Ansätze beim Thema Gesundheit in den Schulen. Diese fühlen sich allerdings oft allein gelassen. Hier müsste die Politik stärker eingreifen.
Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health and Education an der Hertie School in Berlin

Stabilisieren und zum Umdenken anregen

Die Vergangenheit hat allerdings auch gezeigt, dass ein Wandel im Verhalten – durch fast alle gesellschaftlichen Schichten – durchaus möglich ist. „In den vergangenen Jahren ist bei jungen Menschen beispielsweise der Tabak- und Alkoholkonsum stark zurück- gegangen“, sagt Hurrelmann. „Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sie ein größeres Bewusstsein für diese Themen entwickelt haben.“ Hurrelmann geht davon aus, dass sich in der Schule solch ein Bewusstsein auch für andere gesundheitsrelevante Themen aufbauen ließe.

Profitieren würden Schüler aus allen Schichten – allerdings recht unterschiedlich: „Die eine Hälfte der Schülerinnen und Schüler, die wegen ihrer Erziehung bereits gesundheitsbewusst lebt, bekommt eine wertvolle Stütze: Das zu Hause Gelernte wird stabilisiert. Bei der Hälfte, die einen gesunden Lebensstil zu Hause nicht vorgelebt bekommt, führt der Unterricht im besten Fall zum Umdenken und Umlenken. Selbst bei extremen Fällen ließen sich Fehler der Erziehung im Elternhaus zumindest teilweise noch korrigieren.“

Unser Standpunkt: #EinFachMachen Wenn wir als Gesellschaft die Gesundheitsförderung als Bildungsziel wirklich ernst nehmen wollen, brauchen wir ein eigenständiges Schulfach Gesundheit. Als vivida bkk sind wir davon überzeugt, dass es gut und wichtig ist, wenn Kinder schon früh ein Gefühl für eine Gesundheit im Gleichgewicht entwickeln: körperlich, mental und sozial. Wichtiger noch: Wir beugen aktiv Zivilisationskrankheiten wie Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Depressionen, Burnout und Sucht vor. Wir wissen: Ein neues Schulfach entsteht nicht von heute auf morgen. Aber: Wer ein gesundes Morgen will, muss sich schon heute dafür anstrengen. Deswegen engagieren wir uns gemeinsam mit unserer Stiftung „Die Gesundarbeiter – Zukunftsverantwortung Gesundheit“ für das Schulfach Gesundheit, indem wir unter anderem ein Positionspapier dazu erarbeitet haben: www.stiftung-gesundarbeiter.de

Zu wenige Schulen beteiligen sich

Wie oft Gesundheitsthemen im Unterricht behandelt werden, geben in erster Linie die Lehr- und Bildungspläne vor – und die sind Ländersache. Allerdings sticht kein Bundesland heraus, wenn es ums Thema Gesundheitsbildung geht. Dafür legen immer mehr Schulen – auf eigene Faust – die Lehrpläne so aus, dass sie für mehr Gesundheitsthemen Platz schaffen.
Auch schließen sich immer mehr Schulen Initiativen an, die die Qualität der schulischen Gesundheitsförderung verbessern möchten. Das Projekt „Schlau und stark“ der vivida bkk ist eine dieser Initiativen. Sie zielt darauf ab, Kindern im Grundschulalter eine gesunde Lebensweise beizubringen. Die Eltern werden dabei mit eingebunden. Solche Initiativen überzeugen Kinder, Lehrkräfte und Eltern gleichermaßen. Zählt man alle Schulen, die sich in Gesundheitsfragen besonders engagieren, zusammen, bleibt die Quote allerdings bei nur rund zehn Prozent.

83 Prozent der Studie „Zukunft Gesundheit 2022“ der vivida bkk zufolge wünschen sich 83 Prozent der Befragten zwischen 14 und 34 Jahren ein Schulfach Gesundheit. 2015 lag der Wert noch bei 74 Prozent.

Fürs Leben lernen

Emma Aust mit einem Modell eines Skeletts

Emma Aust hat ihr Abitur mit dem Hauptfach Gesundheit abgeschlossen

Was allgemeinbildende Schulen beim Thema Gesundheit heute schon leisten könnten, zeigen einige berufsbildende Schulen, die bereits Gesundheitsunterricht anbieten. Auch Emma Aust hat ihr Fachabitur an solch einer Schule gemacht. Die 22-Jährige arbeitet heute im Kundencenter der vivida bkk im norddeutschen Büdelsdorf. Auf dem Weg zum Abitur hat sie für sich entschieden: Die meisten Fächer, die auf dem allgemeinbildenden Gymnasium angeboten werden, bringen sie im Leben nicht wirklich weiter. Ihr Abitur hat sie schließlich am Berufsbildungszentrum (BBZ) Rendsburg-Eckernförde gemacht.
Hier wählte sie für sich das Hauptfach Gesundheit. „Das Thema hat mich schon immer interessiert – so wie sich manche eben für Chemie oder Physik interessieren. Deshalb habe ich mich dafür entschieden. Am BBZ habe ich dann erst gemerkt, dass mehr dahintersteckt“, sagt Aust. „Man kann sich für den Ionenaustausch in Chemie interessieren – aber meistens werden wir das Erlernte im späteren Leben nie wieder anwenden. Beim Fach Gesundheit ist das anders: Das Gelernte kann ich im Alltag konkret nutzen, es hilft mir, gute Entscheidungen zu treffen. Ein wenig so, wie man die Grundlagen der Mathematik immer wieder nutzt.“

Wissen für den Alltag

Im Unterricht ging es unter anderem um Inhalte wie Sucht, Bewegung oder Ernährung. „Ich fand das Thema Stress beispielsweise besonders interessant. Bei Krankheiten wie Diabetes mellitus und Herzerkrankungen kennen viele Menschen heute ja zumindest die Grundlagen.
Beim Thema Stress ist das anders“, sagt Aust. „Zu sehen, wie verbreitet und akzeptiert extremer Stress hierzulande ist, wie er konkret unserem Körper schadet und dass wir eigentlich sehr gute Hilfsmittel haben, die aber viele nicht nutzen – das war mir so vorher nicht bewusst. Geradezu erschreckend, dass das nicht Allgemeinwissen ist.“ Warum Gesundheit nicht schon längst ein Teil der Bildungspläne ist, will ihr nicht in den Sinn. „Das ist alles so wichtig. Wir können Krankheiten vorbeugen mit simplen Maßnahmen, die jeder lernen kann.“

Viele Dinge, die wir in der Schule lernen, nutzen wir später im Leben nicht. Beim Fach Gesundheit ist das anders. Dort geht’s nämlich um dein Leben. Emma Aust, sie hat ihr Abitur mit dem Hauptfach Gesundheit abgeschlossen

Die Stimmen werden lauter

Klar ist: Damit wir lernen können, brauchen wir Zeit und in Gesundheitsthemen gut ausgebildete Lehrkräfte. An beidem mangelt es. „Ein systematischer Gesundheitsunterricht – etwa mit einem Fach Gesundheit – wäre sicherlich das Beste“, sagt Hurrelmann. „Wenn wir tatsächlich ein Fach Gesundheit in allen allgemeinbildenden Schulen einführen wollen, müssen wir allerdings zum einen Lehrkräfte dafür ausbilden und zum anderen Platz im Stundenplan schaffen. Beides kostet Zeit und Geld.“
Dass sich die Anstrengung lohnen würde, haben die vergangenen zwei Jahre gezeigt: Körper und Geist der jungen Menschen waren in der Pandemie besonders beansprucht – und sind es bis heute. Gesundheitswissen hätte helfen können.

Emma Aust an einem Whiteboard

Emma Aust profitiert auch im Alltag von dem, was sie im Schulfach Gesundheit gelernt hat

Deshalb sprechen sich auch immer mehr Menschen für eine Änderung im Bildungswesen aus, zuletzt beispielsweise der Präsident der Bundesärztekammer Dr. Klaus Reinhardt. Auch an anderen Fronten bröckelt der Widerstand. „Gesunde Schülerinnen und Schüler sind später leistungsfähiger im Beruf. Das sollte eigentlich auch jene Wirtschaftsverbände überzeugen, die bisher noch stark befürworten, dass Mathe, Chemie und Physik einen so großen Teil der Bildungspläne einnehmen“, sagt Hurrelmann.  Vielleicht aber am wichtigsten: Die meisten Schülerinnen und Schüler wünschen sich ein Schulfach Gesundheit – und das nicht nur, weil sie dann vielleicht nicht mehr lernen müssten, wie sie den pH-Wert einer einprotonigen starken Säure berechnen.

In unserem kostenfreien Videokurs „Digitaler Elternabend“ erhalten Eltern konkrete Tipps, wie sie die digitale Mediennutzung ihrer Kinder zuhause begleiten können. Infos unter: www.vividabkk.de/digitaler-elternabend.
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